Der Bau steht nicht auf der Sonnenseite der Krise

Prof. Thomas Bauer im Radiointerview
Darf man den Aussagen und Prognosen dieser Tage Glauben schenken, so ist die Talsohle der Krise erreicht, ja sogar überschritten. Ist die deutsche Baukonjunktur die letzten Monate über geradezu abgestürzt, hat sie sich nun wieder gefangen. Die gesamte Wirtschaft wächst wieder – zwar nur langsam, aber immerhin.
Gerade hinsichtlich der Bauwirtschaft streiten sich Politiker und Experten nun darüber, welchen Anteil die Konjunkturprogramme der Bundesregierung, die den Steuerzahler immerhin Milliarden kosten, an diesem zaghaften Aufschwung haben. Denn viele loben die Programme, viele erachten sie hingegen als ziel- und nutzlos. Ein großer Teil des Geldes aus den Konjunkturprogrammen landet in der Infrastruktur, in Schulsanierungen, Straßenbau und dergleichen – das Geld landet quasi auf dem Bau.
Ist die Bauwirtschaft deshalb unbeeindruckt von der Krise, hat sie nicht mit den großen Problemen anderer Branchen zu kämpfen? Kann sie vielleicht sogar von der Krise profitieren?
Prof. Thomas Bauer, Präsident des Bayerischen Bauindustrieverbandes e.V. äußert sich dazu im Radiointerview im Bayerischen Rundfunk:
Bayern 2: Grüß Gott Herr Bauer.
Prof. Bauer: Guten Abend, grüß Sie Gott.
Bayern 2: Wenn man im Moment durch die Innenstädte fährt oder über die Autobahn, dann hat man den Eindruck, dass sowieso fast überall gebaut wird. Sind das die normalen Sommerbaustellen oder schon die Früchte des Konjunkturprogramms?
Prof. Bauer: Das sind die Früchte des Konjunkturprogramms zu einem gewissen Teil. Vieles, was im Konjunkturprogramm geplant und vorbereitet wurde, ist in den Straßenbau gegangen und gerade Straßenbauprojekte gehen natürlich am schnellsten in der Umsetzung.
Bayern 2: Das heißt also, diese Projekte sind tatsächlich schon angelaufen. Da hat es nicht diese Verzögerungen gegeben, die man ja anfangs befürchtet hat. Dass die Ausschreibungen etc. viel zu lange dauern werden?
Prof. Bauer: Das war beim Straßenbau so. Gerade wenn man die Teerdecken erneuert, dann kann man das ja ganz schnell machen. Ganz anders ist es, wenn man ein neues Projekt plant, wo ja ein Planungsvorlauf sein muss, eine Schule, einen Umbau einer Schule. Da muss zuerst geplant und genehmigt werden. So was dauert Monate. Das ist leider so, dass ein großer Teil der Gelder aus dem Konjunkturprogramm immer noch in dieser Phase steckt.
Bayern 2: Gibt es im Straßenbau denn dann so was schon wie Engpässe, dass die Firmen, die vielleicht schon sowieso im Sommer viele Aufträge bekommen, jetzt gar nicht nachkommen mit dem, was zusätzlich noch durch das Konjunkturprogramm reinkommt?
Prof. Bauer: Das ist ein klein wenig so, ja. Es gibt etliche Baufirmen, die berichten, dass es im Moment schwierig ist die Dinge abzuarbeiten. Leider ist es immer so bei Konjunkturprogrammen, weil sie sich auch staatliche Themen beschränken und das ist eben Straßenbau oder öffentlicher Hochbau. Wo natürlich massiv Bauaufgaben fehlen jetzt im Moment ist im Wirtschaftsbau, auch immer noch im Wohnungsbau. Die Firmen müssen ihre Kapazitäten auf ein neues Thema umlenken und das ist natürlich nicht ganz so einfach.
Bayern 2: Sie haben erwähnt, dass es in anderen Bereichen, jenseits des Straßenbaus, eben doch länger dauert, bis die Ausschreibungen raus sind. Und was heißt das für die Firmen, die eben jetzt die Aufträge bräuchten.
Prof. Bauer: Das ist für die Firmen bitter. Es gibt viele Firmen, die im Moment zu wenig Arbeit haben. Wir sind zwar außerordentlich froh, über den bayerischen Weg, der ja nicht das Geld aus den Konjunkturprogrammen gießkannenmäßig über alle Kommunen verstreut hat, sondern wo es wirklich ganz konkrete Projekte gibt, die gebaut werden, dass auch größere Projekte mit den Konjunkturprogrammen auf den Markt kommen. Leider ist es auch auf der anderen Seite so, dass diese Dinge etwas länger in der Vorbereitung dauern. Wir würden uns wünschen, die Dinge würden etwas schneller gehen. Ein großes Problem ist auch, dass die Kommunen nun beginnen in ihren eigenen Bauausgaben zu sparen. Das heißt, sie machen zwar die Konjunkturprogramme, aber sie sparen dann auf der anderen Seite in dem, was sie normal gemacht hätten und das ist natürlich nicht der Sinn der Sache.
Bayern 2: Das heißt, es könnte auf ein Nullsummenspiel hinauslaufen?
Prof. Bauer: Vielleicht nicht ganz, aber es wird den Effekt des Konjunkturprogramms auf jeden Fall deutlich mindern.
Bayern 2: Was wäre den passiert mit der Bauindustrie und auch mit den damit verbundenen Wirtschaftszweigen, im Handwerk zum Beispiel, wenn es dieses Konjunkturprogramm nicht gegeben hätte?
Prof. Bauer: Hätte es das Konjunkturprogramm nicht gegeben, würde der Bau ganz massiv einbrechen. Einfach wegen dem Wirtschaftsbau, wegen dem Wohnungsbau. Also ein Minus von 20 % wäre dann wahrscheinlich eine Zahl gewesen, die man sich als Schreckensszenario hätte vorstellen können. Auf der anderen Seite mit diesen Konjunkturprogrammen wird das teilweise aufgehoben, aber nicht voll aufgehoben. Also es ist nicht so, wie viele meinen: Der Bau steht auf der Sonnenseite dieser Krise. Auch der Bau leidet unter der Krise. Der hat ein deutliches Minus in der Beschäftigung.
Bayern 2: Fürchten Sie denn Ähnliches, was die Autoindustrie jetzt fürchtet? Zum Beispiel jetzt nach Ende der Abwrackprämie, dass dann im nächsten Jahr der große Absturz kommt, wenn die öffentlichen Programme auslaufen?
Prof. Bauer: Die öffentlichen Programme werden natürlich am Bau das gesamte nächste Jahr noch laufen. Insofern wird 2010 ein noch einigermaßen vernünftiges Baujahr sein. Wenn dann im Jahr 2011 die normale Baukonjunktur nicht anspringt und der öffentliche Bau wieder zurückgehen würde, dann wäre es für die Baufirmen ganz besonders schlimm. Also wir appellieren deshalb auch an den Staat, das Niveau der heutigen Bauausgaben einigermaßen zu halten. Auch noch ein Stück länger, wie diese Konjunkturprogramme laufen, weil sonst gibt es natürlich eine gewaltige Lücke.
Bayern 2: Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung aus Sicht des Bayerischen Bauindustrieverbandes. Das war dessen Präsident Thomas Bauer.
Bayern 2: Danke für das Gespräch.
Prof. Bauer: Bitteschön.
<Radiowelt auf Bayern 2, Bayerischer Rundfunk, 19. August 2009>